Freitag, 6. April 2012

Das FaszienDistorsionsModell- Entstehung und Entwicklung

Zum Tode von Dr. Stephen Typaldos (5. April 2006)


Das FaszienDistorsionsModell- Entstehung und Entwicklung

Das FaszienDistorsionsModell (FDM) ist ein Konzept, welches verschiedene Beschwerden von Patienten anhand ihrer Aussagen und Gesten zum Beschwerdeausdruck nutzt, um direkt zu einer Behandlung zu kommen.
Begründet wurde das FaszienDistorsionsModell von dem us- amerikanischen Osteopathen, Notfall- und Sportmediziner Dr. Stephen Philip Typaldos D.O. (1957- 2006).
Im Jahre 1991 gab eine Patientin durch konkrete Handlungsanweisungen Dr. Typaldos die Initialzündung zur Begründung des FDM. Im Rahmen einer bis dahin erfolglos verlaufenden osteopathischen Behandlung gab sie ihm den Hinweis, eine Linie von der Brustwirbelsäule bis zum Kopf nach ihren Angaben abzufahren. Nach dieser von Erfolg gekrönten Erfahrung begann Dr. Typaldos weiter Patienten beim Ausdruck ihrer Beschwerden zu beobachten und diese direkt in spezifische Behandlungen umzuwandeln. In den folgenden Jahren kam er zu dem Schluss, dass es 6 verschiedene Arten gibt, wie Patienten ihre Beschwerden ausdrücken und wie diese zu behandeln sind.                                                                                                                                                                           
Screenshot einer der frühen Arbeiten von Dr. Typaldos im AAO- Journal












  
Die Anfänge des Fasziendistorsionsmodells

Dr. Stephen Typaldos begann nach dem Start in Yuba City die therapeutischen Erfolge und Beobachtungen weiter zu verfolgen theoretisch zu unterfüttern. Nach dem sogenannten Star- Triggerband entdeckte er bald den hernierten Triggerpunkt und 1992 die Kontinuum Distorsion. Seine frühen Arbeiten von 1994 und 1995, die in der us- amerikanischen osteopathischen Datenbank ostmed.dr (Osteopathic Medicine Digital Repository) eingesehen und runtergeladen werden können, sind voll von seinen anatomischen Interpretationen der Praxisbeobachtungen.

Bei Untersuchungen in Fort Worth im Anatomischen Institut des Texas College of Osteopathic Medicine und offenbar im Austausch mit Kollegen, fand Dr. Stephen Typaldos, dass es das Fasziensystem sein müsse, auf welchem die Behandlungserfolge begründen. Dieses bindewebige überaus sensible System dient im menschlichen Organismus als Verbindungs-, Trennungs-, Informations- und Versorgungsorgan. Durch seine Allgegenwärtigkeit und Funktion als Sinnes-, sowie als mechanisches Organ dienen Faszien in der Medizin immer mehr als Ansatzpunkt zur Behandlung für Beschwerden, denen mit den gängigen Modellen nicht beizukommen ist.
In dem Zeitraum vor dem Verfassen der ersten Arbeiten muss Dr. Typaldos auf den Namen Faszien Distorsions Modell (Fascial Distortion Model) gekommen sein. Fasziendistorsionen sind Verformungen der Faszien. Ein Modell ist eine zweckmässige Erklärung der Wirklichkeit. Die Anwendung der Prinzipien des FDM im Bereich der Medizin und Chirurgie nannte Dr. Typaldos Faszien Distorsions Medizin (Fascial Distortion Medicine). Die praktische Anwendung der FDM- Techniken und Manipulationen wurden Typaldos Manual Therapy (TMT) genannt. Heute gibt es noch einige FDM Praktizierende, die den Terminus Orthopathie (Orthopathy), als eine Verbindung von Osteopathie und Orthopädie, verwenden.
Diese neuartigen Theorien, gepaart mit den effektiven Behandlungen, die Dr. Typaldos in seinen Arbeiten, zum Beispiel im Journal der American Academy of Osteopathy (AAO), der Öffentlichkeit präsentierte, führten dazu, dass Dr. Typaldos noch mehr publizieren konnte (zum Beispiel 1994 in einem englischen Osteopathie Journal).

Entwicklung und Etablierung des Fasziendistorsionsmodells

Um seine Ideen weiter auszuarbeiten und schriftlich in Buchform niederzulegen, zog Stephen P. Typaldos mit seiner Familie nach Brewer, im us- amerikanischen Bundesstaat Maine. Dort eröffnete er eine Praxis für Orthopathische Medizin (Orthopathic Medicine).
Im März 1997 wurde Dr. Typaldos zur American Academy of Osteopathy eingeladen, um dort die Triggerband- Technik vorzustellen. Später im Jahre 1997 gab er schon dreitägige Seminare in Österreich, Frankreich und Portugal und Kirksville (Geburtssort der Osteopathie), um das Fasziendistorsionsmodell zu präsentieren. Im Jahr darauf erschien die zweite Auflage seines Buches (auch auf japanisch) und er gab Seminare in Frankreich, Österreich, Ohio und Japan. 1999 erschien schon die dritte Auflage (auch auf deutsch) und Dr. Typaldos gab Seminare in Portland, Österreich, Japan, Frankreich und Bangor, Maine.
Im Juli 2001 wurde der zehnjährige Geburtstag des Fasziendistorsionsmodells in Bangor, Maine gefeiert. Neben der Feier wurde auch ein „Advanced Course“ veranstaltet.
Das Fasziendistorsionsmodell zog immer mehr Therapeuten an und Dr. Typaldos forderte einen seiner engsten Schüler, den Wiener Arzt, Osteopath und Anästhesisten Dr. Georg Harrer, auf, Level 1 Kurse im Fasziendistorsionsmodell in Europa und in Großbritannien zu geben. Stephen Typaldos unterrichtete weiter Level 2 Kurse.
Typaldos bildete einige FDM Instruktoren aus, wie den bereits erwähnten Dr. Georg Harrer aus Wien, Keisuke Tanaka aus Japan und Christoph Rossmy aus Deutschland. Keisuke Tanaka übersetzte 2004 die vierte Edition des Buches von Stephen Typaldos auf japanisch.
2005 gab es ein internationales FDM Seminar und Treffen in Alaska, bei dem auch europäische und japanische FDM Instruktoren und FDM Therapeuten wie Dr. Georg Harrer, Christoph Rossmy, Keisuke Tanaka und Kohei Iwata zugegen waren.
Tragischerweise ist die vierte Edition des Buches „FDM Clinical and Theoretical Application of the Fascial Distortion Model Within the Practice of Medicine and Surgery“ die letzte schriftliche Darlegung der Ideen von Stephen Typaldos. Er verstarb 2006 im Alter von 49 Jahren 3 Tage nach seinem Geburtstag an einer Herzattacke.

Screenshot der Memorialseite typaldos.org zum Tode von Dr. Stephen Typaldos
















Aktuelle Situation des Fasziendistorsionsmodells

In Europa wird das Fasziendistorsionsmodell zur Zeit hauptsächlich im Rahmen physiotherapeutischer, osteopathischer oder ärztlicher Fortbildungseinrichtungen angeboten. Ein eigene stationäre Lehreinrichtung für das Fasziendistorsionsmodell gibt es bisher noch nicht.
Die Effektivität des Fasziendistorsionsmodells ist besonders im Sport (primär von Physiotherapeuten und Sportärzten eingesetzt) nicht mehr wegzudenken. Berühmtester Protagonist des FDM ist sicherlich Klaus Eder, der als Physiotherapeut die deutsche Fußballnationalmannschaft, das deutsche Olympiateam und die deutsche Davis Cup- Mannschaft betreut und betreute.
Vermehrt wird das FaszienDistorsionsModell in Europa von Chirurgen genutzt. Aufgrund der mittlerweile nicht zu unterschätzenden Infektionsgefahr bei intraartikulären Injektionen oder im Rahmen von Operationen, tendieren Teile des chirurgischen Berufstandes dazu, primär eine „unblutige“ therapeutische Intervention wie das Fasziendistorsionsmodell einzusetzen oder zu empfehlen. Gerade bei dem Symptomkomplex „Steife Schulter“ (Frozen Shoulder) kann das Fasziendistorsionsmodell eine Alternative zu intraartikulären Injektion mit Steroiden und sogar zur konventionellen Manualtherapie bieten (Studie von Dr. Christian Stein, Hannover).

Noch zu seinen Lebzeiten musste Stephen Typaldos erleben, wie einzelne Schüler ohne Legitimation oder Rücksprache eigene Strukturen begannen aufzubauen und die Idee des Fasziendistorsionsmodells für sich vereinnahmten und kopierten, ohne selbst etwas hinzuzugeben.
Nach dem recht frühen Tod von Stephen Typaldos bleiben seine Ideen durch die von ihm ausgebildeten eingangs erwähnten Instruktoren und in seinem Buch bis heute lebendig.
Die von Dr. Typaldos autorisierten FDM Instruktoren haben sich in nationalen FDM Organisationen zusammen geschlossen. In den Vereinigten Staaten ist dies die American FDM Association (AFDMA), in Japan die FDM Asian Association (FAA) und in Europa die Europäische FDM Association (EFDMA). Kürzlich kam durch FDM Seminare in Burkina Faso mit Dr. Georg Harrer und Dr. Byron Perkins (Alaska) eine African FDM Organization dazu.
In diesen Vereinigungen sind die von Stephen Typaldos geprüften und zertifizierten Lehrkräfte (FDM Instruktoren) aktiv und bilden weitere FDM Therapeuten aus.

Eine Delegation japanischer FDM Therapeuten 2012 zum Geburtstag Dr. Typaldos in Bangor, Maine

An dem diesjährigen Geburtstag von Dr. Typaldos reiste eine Delegation um die japanischen FDM Enthusiasten Keisuke Tanaka FDM O., Kohei Iwata und Junko Yamada nach Bangor, Maine und traf sich dort mit langjährigen Schülern und Weggefährten von Stephen Typaldos, um seiner Person und seinen Ideen zu gedenken.

Keine Kommentare: